Meiser
Lama Ole Nydahl, 1969 begegneten Sie
und Ihre Frau Hannah auf Ihrer Hochzeitsreise im Himalaya
dem 16. Karmapa, dem geistigen Oberhaupt einer der vier
Hauptschulen des tibetischen Buddhismus. Sie wurden
seine ersten Schüler und erhielten den Auftrag,
seine Lehre in aller Welt zu verbreiten. Seither gründeten
Sie mehr als 400 buddhistische Zentren, die immer mehr
Zulauf erhalten. Wie erklären Sie sich die Faszination,
die die Lehre Buddhas auch nach 2.500 Jahren noch verströmt?
Lama
Ole Nydahl Buddhas Lehre begeistert vor
allem eigenständige Menschen, weil sie erfahrbar
ist. Sowohl das Ziel, die Erleuchtung, als auch der
Weg dorthin, sind klar und überschaubar. Der Buddhismus
ist die einzige Religion, die sich unmittelbar auf den
erlebenden Geist bezieht und die Menschen zu Meistern
ihres eigenen Lebens macht. Durch geeignete Meditationen
kann man langfristig sowohl ein reiches Innenleben als
auch eine überpersönliche Sichtweise entwickeln.
Das Ziel von Buddhas Lehre ist die volle Entwicklung
der in uns liegenden Möglichkeiten, was ein Erleben
dauerhaften Glücks ermöglicht. Wer Buddhist
wird, wünscht vor allem, sich freudvoll zum Besten
aller zu verwirklichen.
Meiser
Die Grundzüge der buddhistischen
Lehre legten Sie in dem Buch "Wie die Dinge sind" nieder.
Könnten Sie die Hauptaspekte dieses Weltwissens
kurz skizzieren?
Nydahl
Kein Lehrer ist besser als seine Schüler
und Übersetzer. Nur das, was sie verstehen und
vermitteln können, wird Bestand haben. Buddhas
Bedingungen als Lama waren zu seiner Zeit einmalig.
Nach seiner Erleuchtung in Nordindien vor 2.550 Jahren
konnte er insgesamt 45 Jahre in einer blühenden
geistigen Hochkultur lehren. Das Ergebnis dieser Lehrtätigkeit
sind 84.000 Ratschläge und Lehren, um besser zu
leben, zu sterben und wiedergeboren zu werden. Sie sind
in den 108 Büchern des "Kanjur" enthalten, und
ihr Ziel ist das direkte Erleben des Geistes, der seinem
Wesen nach unzerstörbarer Raum, seiner Erfahrung
nach spielerische Freude und seinem Ausdruck nach tatkräftige
Liebe ist.
Meiser
Es gibt immer mehr Prominente wie z.B.
Richard Gere, die sich für den Buddhismus begeistern
und die durch ihre Haltung beispielgebend wirken. Dennoch
müssen sie oft den Vorwurf hören, nicht die
"reine Lehre" zu verkörpern, sondern einen modernen
Abklatsch. Für wie wichtig halten Sie Authentizität
in Glaubensfragen?
Nydahl
Die Vorstellung, dass sich Einsicht ab
einem gewissen Bekanntheitsgrad von selbst einstellt,
stört mich nicht. Um dauerhaften und durch Menschen
anziehenden Erfolg zu haben, muss man etwas richtig
machen. In diesem Moment handelt man dann möglicherweise
vielleicht oberflächlich, aber dennoch buddhistisch.
Und Authentizität? Es kann keine Religion oberhalb
der Menschlichkeit oder der allgemeinen Wahrheit geben.
Deswegen auch die Aussage des Dalai Lama: "Sollte irgendwo
Buddhas Lehre und die Wissenschaft auseinander gehen,
und die Wissenschaft hätte deutlich Recht, sollte
man ihr vertrauen." Auch Buddha würde das wünschen.
Die Lehren, die Buddha hinterließ, kann niemand
in ihrer Gesamtheit anwenden. Deshalb öffnet man
sich zunächst dem Ziel, der Erleuchtung, eben dem
Zustand des Buddha, später dann seinen Lehren,
die einen an dieses Ziel bringen, und schließlich
den Freunden auf dem Weg. Wer äußerst wirksame
Mittel anwenden will, braucht zusätzlich die Hilfe
eines Lama (Lehrers), der über echte Lebenserfahrung
verfügen muss. Auf diese Weise findet dann jeder
innerhalb der Lehre Buddhas das, was seiner Lage, seinen
Fähigkeiten und Wünschen entspricht. Wie es
Buddha vor 2.500 Jahren selbst wünschte, passt
sich die Form den Zeiten und Ländern an, in denen
gelehrt wird. Die Inhalte sollten sich jedoch nicht
verändern, denn sonst verschwindet die lebendige
Überlieferung.
Meiser
In allen östlichen Religionen und
Philosophien spielt Meditation eine zentrale Rolle?
Weshalb?
Nydahl
Meditation bedeutet "müheloses Verweilen
in dem, was ist". Man lernt sich selbst hinter den Gedanken
kennen, indem man beobachtet, wie der Geist ständig
spielt. Dies sollte geschehen, ohne dass man die Erlebnisse
weder positiv noch negativ bewertet. Dadurch entsteht
ein innerer Abstand zu ihnen und den damit verbundenen
störenden Gefühlen. Nun ist man nicht mehr
von ihnen gefangen und kann selbst entscheiden, ob man
auf sie eingehen möchte oder nicht. Diese Erfahrung
von Freiheit überträgt man schließlich
auf den Alltag. Meditation ist insbesondere bei den
Erfahrungsreligionen und -philosophien wichtig, da man
hier mit der Ganzheit des eigenen Seins arbeitet und
sich dadurch besonders kraftvoll ändert. Das rein
begriffsmäßige Verstehen verändert einen
dagegen sehr langsam, denn es bewegt sich nur allmählich
vom Hirn zum Herz. Bei Intellektuellen sieht man dies
öfters, wenn sie mühsam versuchen, ein riesiges
Wissen mit fehlender Lebenserfahrung zu verbinden. In
der Vertiefung und dem Beibehalten einer bewussten Sichtweise
- auch zwischen den Meditationen - entsteht aber rasch
eine ausgeglichene und sinnvolle menschliche Reife.
Das kann man nicht nur am Verhalten erkennen, sondern
lässt sich neuerdings sogar an veränderten
Hirnströmungen feststellen.
Meiser
Es gibt diverse buddhistische Richtungen.
Wie kann man sie auseinander halten?
Nydahl
Buddha lehrte über 45 Jahre für
sämtliche Wesen. Die große Vielfalt seiner
Lehren unterteilt man heute in verschiedene Hauptrichtungen,
die wie die Grundmauern, die Wände und das Dach
eines Hauses zueinander passen: Die bewusste Veränderung
des Verhaltens bildet die Grundmauer. Sie baut auf der
Beobachtung von Ursache und Wirkung auf und macht in
den südlichen buddhistischen Schulen und bei Mönchen
und Nonnen das Hauptstreben aus. Die tägliche Arbeit
vor dem Hintergrund des letztendlichen Wissens und die
gegenseitige Bedingtheit aller Erscheinungen und dem
aktiven Mitgefühl für andere bilden die Wände.
Sie werden dem Weg der Laien und den nördlichen
Schulen zugerechnet. Das Dach bildet der Bereich der
Verwirklicher - auch Yogis genannt. Sie haben ein unerschütterliches
Vertrauen in ihre eigene Buddhanatur und versuchen,
das gesamte Leben aus einer reinen, selbstbefreienden
Sicht zu erfahren. Jede dieser Ebenen besteht aus einer
Säule des Wissens und einer der Meditation; beide
werden durch eine dritte, den Austausch mit dem Leben,
vertieft und gestärkt.
Meiser
Die Richtung, die Sie vertreten, nennt
sich Karma-Kagyü-Linie und gehört zum Diamantweg-Buddhismus.
Was ist das Besondere an ihr?
Nydahl
Das Besondere am Diamantweg ist der nahe
Austausch zwischen Lehrer und Schüler, das Familiengefühl,
das seit dem Jahr 1050 durch den Lehrer Marpa besteht.
Es ermöglicht das direkte Deuten auf den erlebenden
Geist. Eine andere Linie des tibetischen Buddhismus
besteht aus wilden Prophezeiungen, eine weitere übt
sich mehr in Tugend - die Staatskirche - und eine dritte
arbeitet vor allem mit der Gelehrtheit. Allgemein sind
wir als mündliche Überlieferung der Verwirklicher
bekannt, die sich mit Hilfe der engen Verbindung zum
Lehrer und vieler verschiedener Meditationen entwickeln.
Meiser
Sie sind ständig unterwegs und halten
fast jeden Tag einen Vortrag in einer anderen Stadt.
Dabei treten Sie keineswegs wie ein Lama - so wie man
es etwa vom Dalai Lama gewohnt ist - auf, sondern erscheinen
meist in Jeans und T-Shirt. Was ist der Grund für
diesen unkonventionellen Stil?
Nydahl
Der Dalai Lama ist Mönch und trägt
eine Mönchsuniform. Ich könnte bei meinen
Hunderten von Einweihungen viele Roben tragen - aber
warum? Sie sind unpraktisch, und man lässt dadurch
einen unnötigen Abstand zu den Menschen entstehen.
Dann lieber eine Cargohose mit großen Taschen,
in der man sich überall hinsetzen kann.
Meiser
Eines der Hauptanliegen der Karma-Kagyü-Linie
ist die buddhistische Sterbebegleitung, die Menschen
aller Konfessionen auf ihren Wunsch hin zukommt. Was
geschieht dabei?
Nydahl
Einige meiner Schüler in Würzburg
und Kiel, die - wie Tausende andere jedes Jahr - meine
Kurse des Phowa oder "bewussten Sterbens" besucht haben,
bieten aus ihrem Mitgefühl heraus eine Begleitung
für Sterbende an. Weil sie den Verlauf des Sterbens
aus den Kursen bestens kennen, sind sie fähig,
die Menschen in diesen besonderen Augenblicken gut zu
begleiten. Sie missionieren nicht, sondern sind da und
bereiten die Sterbenden auf die Erlebnisse von Lichtern
und andere Erfahrungen vor, die sie beim Sterben haben
werden.
Meiser
Die Karmapas praktizieren eine bewusste
Wiedergeburt. Was hat man sich darunter vorzustellen
und wie kann es denen gelingen, die keine Karmapas sind?
Nydahl
Solange der Strom von Eindrücken
im Geist weiterfließt und wir ihm nicht einfach
fröhlich zuschauen können, sind wir an ihn
gebunden, und er zieht uns weiter. Es ist genau dieser
Bewusstseinsstrom, der je nach seinem Inhalt in den
unterschiedlichen Daseinsbereichen seine Wiedergeburten
findet. Der Trick von Verwirklichern wie den Karmapas
ist es, den zeitlosen Erleber zwischen den Erfahrungen
bewusst zu machen, den Spiegel hinter den Bildern. Dann
kann man sich frei entscheiden, wiedergeboren zu werden
zum Besten anderer oder nicht.
Meiser
Ein weiterer wichtiger Begriff der buddhistischen
Lehre ist das "Karma". Was hat man darunter zu verstehen?
Nydahl
Karma ist das allgemein bekannte Gesetz
von Ursache und Wirkung - ausgedehnt auf alle Bereiche
und alle Zeiten. Gleichgültig, ob Gutes oder Schlechtes
entsteht, es wächst durch vier Bedingungen: das
Wissen, was ist, den Wunsch, etwas zu tun, die Tat oder
ihre Unterlassung und die anschließende Zufriedenheit.
Was an schwierigen Eindrücken nicht gereinigt wurde,
reift nach dem Tod zusammen mit dem Guten als Erfahrungen
heran. Wenn etwa Begierde als stärkstes Gefühl
aus dem Speicherbewusstsein auftaucht, erlangt man wieder
einen Menschenkörper. In diesem Fall entsprechen
der Körper, der Kulturkreis und die Lebensumstände,
unter denen man geboren wird, samt der mitgebrachten
Neigungen den vergangenen Taten. Und so geht es weiter.
Ob man den Wesen gerne schadet oder ihnen lieber Gutes
tut, ist also von entscheidender Bedeutung. Will man
hingegen schlechtes Karma abbauen, muss man sich zuerst
darüber im Klaren sein, dass man etwas ändern
sollte. Danach gilt es die wirksamen buddhistischen
Mittel der Reinigung zu verwenden. Drittens entscheidet
man, das Schädliche nicht zu wiederholen, und schließlich
vollzieht man die entgegengesetzten, nützlichen
Taten. Hierdurch verlieren gestörte Eindrücke
ihre Kraft und werden zu Erfahrungen, mit denen man
anderen helfen kann.
Meiser
Würden Sie den Buddhismus als Religion
bezeichnen oder als Philosophie?
Nydahl
Ich würde Buddhismus so verstehen,
wie es Buddha selbst tat. Dharma, wie er seine Lehre
nannte, oder Chö, wie die Tibeter sagen, bedeutet
"wie die Dinge sind". Diese Lehre enthält Erklärungen
zum Geist und der Welt, welche die heutige Wissenschaft
begeistert, eine alles umfassende und überpersönliche
Psychologie und eine durch die Meditation erfahrbare
Philosophie. Sobald wir die Zusammenhänge begreifen,
können wir das Glück verursachen, das wir
suchen, und immer mehr Leid vermeiden.
Meiser
Mit der Welt stand es nie zum Besten,
aber dies muss ja nicht so bleiben. Was kann der Buddhismus
dazu beitragen, dass sich die Menschheit nicht selbst
ausrottet?
Nydahl
Der Buddhismus sagt: "Mögen alle
Wesen glücklich werden. Mögen sie frei sein
von Leiden und den Ursachen des Leidens. Mögen
sie niemals getrennt sein von der großen Glückseligkeit,
die jenseits ist von Sorgen. Mögen sie Gleichmut
bewahren bei Anhaftung und bei Abneigung und an die
Gleichheit glauben von allem, was lebt." Wenn wir dies
verinnerlichen, werden Sie diese Frage nicht mehr stellen
müssen.
(Veröffentlicht mit freundlicher
Genehmigung von Diners Club Magazin)