Diamantweg in der Presse

Holm Ay, Pressesprecher

Gespräch von Lama Ole Nydahl mit dem Diners Club Magazin


01. 09. 04 I "Mögen alle Wesen glücklich werden!"

Meiser Lama Ole Nydahl, 1969 begegneten Sie und Ihre Frau Hannah auf Ihrer Hochzeitsreise im Himalaya dem 16. Karmapa, dem geistigen Oberhaupt einer der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus. Sie wurden seine ersten Schüler und erhielten den Auftrag, seine Lehre in aller Welt zu verbreiten. Seither gründeten Sie mehr als 400 buddhistische Zentren, die immer mehr Zulauf erhalten. Wie erklären Sie sich die Faszination, die die Lehre Buddhas auch nach 2.500 Jahren noch verströmt?

Lama Ole Nydahl Buddhas Lehre begeistert vor allem eigenständige Menschen, weil sie erfahrbar ist. Sowohl das Ziel, die Erleuchtung, als auch der Weg dorthin, sind klar und überschaubar. Der Buddhismus ist die einzige Religion, die sich unmittelbar auf den erlebenden Geist bezieht und die Menschen zu Meistern ihres eigenen Lebens macht. Durch geeignete Meditationen kann man langfristig sowohl ein reiches Innenleben als auch eine überpersönliche Sichtweise entwickeln. Das Ziel von Buddhas Lehre ist die volle Entwicklung der in uns liegenden Möglichkeiten, was ein Erleben dauerhaften Glücks ermöglicht. Wer Buddhist wird, wünscht vor allem, sich freudvoll zum Besten aller zu verwirklichen.

Meiser Die Grundzüge der buddhistischen Lehre legten Sie in dem Buch "Wie die Dinge sind" nieder. Könnten Sie die Hauptaspekte dieses Weltwissens kurz skizzieren?

Nydahl Kein Lehrer ist besser als seine Schüler und Übersetzer. Nur das, was sie verstehen und vermitteln können, wird Bestand haben. Buddhas Bedingungen als Lama waren zu seiner Zeit einmalig. Nach seiner Erleuchtung in Nordindien vor 2.550 Jahren konnte er insgesamt 45 Jahre in einer blühenden geistigen Hochkultur lehren. Das Ergebnis dieser Lehrtätigkeit sind 84.000 Ratschläge und Lehren, um besser zu leben, zu sterben und wiedergeboren zu werden. Sie sind in den 108 Büchern des "Kanjur" enthalten, und ihr Ziel ist das direkte Erleben des Geistes, der seinem Wesen nach unzerstörbarer Raum, seiner Erfahrung nach spielerische Freude und seinem Ausdruck nach tatkräftige Liebe ist.

Meiser Es gibt immer mehr Prominente wie z.B. Richard Gere, die sich für den Buddhismus begeistern und die durch ihre Haltung beispielgebend wirken. Dennoch müssen sie oft den Vorwurf hören, nicht die "reine Lehre" zu verkörpern, sondern einen modernen Abklatsch. Für wie wichtig halten Sie Authentizität in Glaubensfragen?

Nydahl Die Vorstellung, dass sich Einsicht ab einem gewissen Bekanntheitsgrad von selbst einstellt, stört mich nicht. Um dauerhaften und durch Menschen anziehenden Erfolg zu haben, muss man etwas richtig machen. In diesem Moment handelt man dann möglicherweise vielleicht oberflächlich, aber dennoch buddhistisch. Und Authentizität? Es kann keine Religion oberhalb der Menschlichkeit oder der allgemeinen Wahrheit geben. Deswegen auch die Aussage des Dalai Lama: "Sollte irgendwo Buddhas Lehre und die Wissenschaft auseinander gehen, und die Wissenschaft hätte deutlich Recht, sollte man ihr vertrauen." Auch Buddha würde das wünschen. Die Lehren, die Buddha hinterließ, kann niemand in ihrer Gesamtheit anwenden. Deshalb öffnet man sich zunächst dem Ziel, der Erleuchtung, eben dem Zustand des Buddha, später dann seinen Lehren, die einen an dieses Ziel bringen, und schließlich den Freunden auf dem Weg. Wer äußerst wirksame Mittel anwenden will, braucht zusätzlich die Hilfe eines Lama (Lehrers), der über echte Lebenserfahrung verfügen muss. Auf diese Weise findet dann jeder innerhalb der Lehre Buddhas das, was seiner Lage, seinen Fähigkeiten und Wünschen entspricht. Wie es Buddha vor 2.500 Jahren selbst wünschte, passt sich die Form den Zeiten und Ländern an, in denen gelehrt wird. Die Inhalte sollten sich jedoch nicht verändern, denn sonst verschwindet die lebendige Überlieferung.

Meiser In allen östlichen Religionen und Philosophien spielt Meditation eine zentrale Rolle? Weshalb?

Nydahl Meditation bedeutet "müheloses Verweilen in dem, was ist". Man lernt sich selbst hinter den Gedanken kennen, indem man beobachtet, wie der Geist ständig spielt. Dies sollte geschehen, ohne dass man die Erlebnisse weder positiv noch negativ bewertet. Dadurch entsteht ein innerer Abstand zu ihnen und den damit verbundenen störenden Gefühlen. Nun ist man nicht mehr von ihnen gefangen und kann selbst entscheiden, ob man auf sie eingehen möchte oder nicht. Diese Erfahrung von Freiheit überträgt man schließlich auf den Alltag. Meditation ist insbesondere bei den Erfahrungsreligionen und -philosophien wichtig, da man hier mit der Ganzheit des eigenen Seins arbeitet und sich dadurch besonders kraftvoll ändert. Das rein begriffsmäßige Verstehen verändert einen dagegen sehr langsam, denn es bewegt sich nur allmählich vom Hirn zum Herz. Bei Intellektuellen sieht man dies öfters, wenn sie mühsam versuchen, ein riesiges Wissen mit fehlender Lebenserfahrung zu verbinden. In der Vertiefung und dem Beibehalten einer bewussten Sichtweise - auch zwischen den Meditationen - entsteht aber rasch eine ausgeglichene und sinnvolle menschliche Reife. Das kann man nicht nur am Verhalten erkennen, sondern lässt sich neuerdings sogar an veränderten Hirnströmungen feststellen.

Meiser Es gibt diverse buddhistische Richtungen. Wie kann man sie auseinander halten?

Nydahl Buddha lehrte über 45 Jahre für sämtliche Wesen. Die große Vielfalt seiner Lehren unterteilt man heute in verschiedene Hauptrichtungen, die wie die Grundmauern, die Wände und das Dach eines Hauses zueinander passen: Die bewusste Veränderung des Verhaltens bildet die Grundmauer. Sie baut auf der Beobachtung von Ursache und Wirkung auf und macht in den südlichen buddhistischen Schulen und bei Mönchen und Nonnen das Hauptstreben aus. Die tägliche Arbeit vor dem Hintergrund des letztendlichen Wissens und die gegenseitige Bedingtheit aller Erscheinungen und dem aktiven Mitgefühl für andere bilden die Wände. Sie werden dem Weg der Laien und den nördlichen Schulen zugerechnet. Das Dach bildet der Bereich der Verwirklicher - auch Yogis genannt. Sie haben ein unerschütterliches Vertrauen in ihre eigene Buddhanatur und versuchen, das gesamte Leben aus einer reinen, selbstbefreienden Sicht zu erfahren. Jede dieser Ebenen besteht aus einer Säule des Wissens und einer der Meditation; beide werden durch eine dritte, den Austausch mit dem Leben, vertieft und gestärkt.

Meiser Die Richtung, die Sie vertreten, nennt sich Karma-Kagyü-Linie und gehört zum Diamantweg-Buddhismus. Was ist das Besondere an ihr?

Nydahl Das Besondere am Diamantweg ist der nahe Austausch zwischen Lehrer und Schüler, das Familiengefühl, das seit dem Jahr 1050 durch den Lehrer Marpa besteht. Es ermöglicht das direkte Deuten auf den erlebenden Geist. Eine andere Linie des tibetischen Buddhismus besteht aus wilden Prophezeiungen, eine weitere übt sich mehr in Tugend - die Staatskirche - und eine dritte arbeitet vor allem mit der Gelehrtheit. Allgemein sind wir als mündliche Überlieferung der Verwirklicher bekannt, die sich mit Hilfe der engen Verbindung zum Lehrer und vieler verschiedener Meditationen entwickeln.

Meiser Sie sind ständig unterwegs und halten fast jeden Tag einen Vortrag in einer anderen Stadt. Dabei treten Sie keineswegs wie ein Lama - so wie man es etwa vom Dalai Lama gewohnt ist - auf, sondern erscheinen meist in Jeans und T-Shirt. Was ist der Grund für diesen unkonventionellen Stil?

Nydahl Der Dalai Lama ist Mönch und trägt eine Mönchsuniform. Ich könnte bei meinen Hunderten von Einweihungen viele Roben tragen - aber warum? Sie sind unpraktisch, und man lässt dadurch einen unnötigen Abstand zu den Menschen entstehen. Dann lieber eine Cargohose mit großen Taschen, in der man sich überall hinsetzen kann.

Meiser Eines der Hauptanliegen der Karma-Kagyü-Linie ist die buddhistische Sterbebegleitung, die Menschen aller Konfessionen auf ihren Wunsch hin zukommt. Was geschieht dabei?

Nydahl Einige meiner Schüler in Würzburg und Kiel, die - wie Tausende andere jedes Jahr - meine Kurse des Phowa oder "bewussten Sterbens" besucht haben, bieten aus ihrem Mitgefühl heraus eine Begleitung für Sterbende an. Weil sie den Verlauf des Sterbens aus den Kursen bestens kennen, sind sie fähig, die Menschen in diesen besonderen Augenblicken gut zu begleiten. Sie missionieren nicht, sondern sind da und bereiten die Sterbenden auf die Erlebnisse von Lichtern und andere Erfahrungen vor, die sie beim Sterben haben werden.

Meiser Die Karmapas praktizieren eine bewusste Wiedergeburt. Was hat man sich darunter vorzustellen und wie kann es denen gelingen, die keine Karmapas sind?

Nydahl Solange der Strom von Eindrücken im Geist weiterfließt und wir ihm nicht einfach fröhlich zuschauen können, sind wir an ihn gebunden, und er zieht uns weiter. Es ist genau dieser Bewusstseinsstrom, der je nach seinem Inhalt in den unterschiedlichen Daseinsbereichen seine Wiedergeburten findet. Der Trick von Verwirklichern wie den Karmapas ist es, den zeitlosen Erleber zwischen den Erfahrungen bewusst zu machen, den Spiegel hinter den Bildern. Dann kann man sich frei entscheiden, wiedergeboren zu werden zum Besten anderer oder nicht.

Meiser Ein weiterer wichtiger Begriff der buddhistischen Lehre ist das "Karma". Was hat man darunter zu verstehen?

Nydahl Karma ist das allgemein bekannte Gesetz von Ursache und Wirkung - ausgedehnt auf alle Bereiche und alle Zeiten. Gleichgültig, ob Gutes oder Schlechtes entsteht, es wächst durch vier Bedingungen: das Wissen, was ist, den Wunsch, etwas zu tun, die Tat oder ihre Unterlassung und die anschließende Zufriedenheit. Was an schwierigen Eindrücken nicht gereinigt wurde, reift nach dem Tod zusammen mit dem Guten als Erfahrungen heran. Wenn etwa Begierde als stärkstes Gefühl aus dem Speicherbewusstsein auftaucht, erlangt man wieder einen Menschenkörper. In diesem Fall entsprechen der Körper, der Kulturkreis und die Lebensumstände, unter denen man geboren wird, samt der mitgebrachten Neigungen den vergangenen Taten. Und so geht es weiter. Ob man den Wesen gerne schadet oder ihnen lieber Gutes tut, ist also von entscheidender Bedeutung. Will man hingegen schlechtes Karma abbauen, muss man sich zuerst darüber im Klaren sein, dass man etwas ändern sollte. Danach gilt es die wirksamen buddhistischen Mittel der Reinigung zu verwenden. Drittens entscheidet man, das Schädliche nicht zu wiederholen, und schließlich vollzieht man die entgegengesetzten, nützlichen Taten. Hierdurch verlieren gestörte Eindrücke ihre Kraft und werden zu Erfahrungen, mit denen man anderen helfen kann.

Meiser Würden Sie den Buddhismus als Religion bezeichnen oder als Philosophie?

Nydahl Ich würde Buddhismus so verstehen, wie es Buddha selbst tat. Dharma, wie er seine Lehre nannte, oder Chö, wie die Tibeter sagen, bedeutet "wie die Dinge sind". Diese Lehre enthält Erklärungen zum Geist und der Welt, welche die heutige Wissenschaft begeistert, eine alles umfassende und überpersönliche Psychologie und eine durch die Meditation erfahrbare Philosophie. Sobald wir die Zusammenhänge begreifen, können wir das Glück verursachen, das wir suchen, und immer mehr Leid vermeiden.

Meiser Mit der Welt stand es nie zum Besten, aber dies muss ja nicht so bleiben. Was kann der Buddhismus dazu beitragen, dass sich die Menschheit nicht selbst ausrottet?

Nydahl Der Buddhismus sagt: "Mögen alle Wesen glücklich werden. Mögen sie frei sein von Leiden und den Ursachen des Leidens. Mögen sie niemals getrennt sein von der großen Glückseligkeit, die jenseits ist von Sorgen. Mögen sie Gleichmut bewahren bei Anhaftung und bei Abneigung und an die Gleichheit glauben von allem, was lebt." Wenn wir dies verinnerlichen, werden Sie diese Frage nicht mehr stellen müssen.



(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Diners Club Magazin)